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14.12.2018
Bürgerdialog Eschborn Oktober 2012
Bürgerdialog Eschborn Oktober 2012

Bürgerdialog Eschborn - Fragen an Nicolaus Reifart

Prof. Dr. Reifart beantwortete Fragen des "Bürgerdialog Eschborn", dem Mitteilungsblatt des Magistrats der Stadt Eschborn, zu den Themen Herzinfarkterkennung und Versorgung von Infarktpatienten im Main-Taunus-Kreis.

Der Druck zwischen Nase und Nabel

Fragen an Nicolaus Reifart - Wie erkennt man einen Herinfarkt?

Wie kündigt sich ein Herzinfarkt an?

Zwischen Nase und Nabel taucht ein neuer, unbekannter Schmerz auf. Das kann ein Brennen sein, Druck, Luftnot oder Übelkeit, mit oder ohne Schweißausbruch. Diesen Unwohlzustand sollte man sehr ernst nehmen und nicht länger als 5 Minuten warten, bevor man den Notarzt oder die 112 ruft.

Wer ist vor allem betroffen?

Männer über 40 und Frauen über 50 Jahren. Vor allem die, bei denen Risikofaktoren wie Rauchen, wenig Bewegung, ungesunde Lebensführung vorliegen. Wenn Vater oder Mutter einen Infarkt hatten, sind Sohn und Tochter mehr gefährdet, als ohne diese Vorgeschichte. Vor allem Mütter vererben die Anlage zum Herzinfarkt.

Wann kündigt sich ein Infarkt an?

Die Vorboten sind oft Tage zuvor spürbar. Zum Bespiel der plötzliche heftige Druck auf der Brust, genannt Angina Pectoris. Diese Herzenge strahlt oft in den Unterkiefer, Rücken oder die Arme aus. Das ist ein sehr alarmierendes Symptom. Lässt sich ein Patient in diesem Stadium behandeln, kann ein Infarkt oft noch verhindert werden.

Sind die Anzeichen bei Männern und Frauen unterschiedlich?

Ja, bei Frauen muss man auch auf Symptome achten, die nicht im Lehrbuch stehen, besonders auf Leistungsknick und plötzliches allgemeines Unwohlsein.

Welches sind die Anzeichen für einen Schlaganfall?

Die sind relativ leicht auch von Laien erkennbar. Einem Schlaganfall geht häufig vorher ein "Schlägelchen" voraus. Der Betroffene findet manche Worte nicht mehr, hat ein Kribbeln auf einer Körperseite, oder schielt, vielleicht hängt ein Mundwinkel herab oder es besteht einseitige Arm- oder Beinschwäche, weil die Muskeln einer Körperhälfte gelähmt sind. Im Zweifel bittet man den Patienten zu pfeifen, beide Arme waagrecht vor sich zu halten, dann wird der gelähmte Arm sinken. Solche Anzeichen sollte manextrem ernst nehmen, auch wenn sich alles nach Minuten oder Stunden zurückgebildet hat, weil sich daraus ein großer Schlaganfall entwickeln kann.

"Pro Minute geht ein Gramm Herz verloren"

Kardiologe Nicolaus Reifart versorgt Infarkpatienten im Main-Taunus-Kreis

Wie viele Menschen im Main-Taunus-Kreis erleiden einen Herzinfarkt?

Pro Jahr werden rund 350 Menschen mit Herzinfarkt in unseren Kliniken in Bad Soden und Hofheim behandelt. Wir unterscheiden kleinen, auf eine dünne Muskelschicht begrenzte und großen Infarkten. Beide können innerhalb weniger Minuten zum Tod führen. Der große ist aber wesentlich gefährlicher als der kleine. Alle diese Menschen müssen umgehend stationär behandelt werden. Wir schätzen, dass dazu aus unserem Kreis noch zirka 20 bis 25 Prozent Herinfarktpatienten in andere Krankenhäuser wie Höchst gefahren werden.

Wie viele Schlaganfälle gibt es pro Jahr im Main-Taunus-Kreis?

Das sind ungefähr 100.

Welche Rolle spielt die Zeit für einen Herzinfarktpatienten?

Eine ganz entscheidende Rolle. Pro Minute geht etwa ein Gramm Herz verloren...

... wieviel wiegt ein Herz?

Bei einem Erwachsenen etwa 400 Gramm. Wird ein Patient in der ersten Stunde nach einem Infarkt eingeliefert, hat er eine gute Prognose. Dauert es hingegen sechs Stunden, bis er im Krankenhaus ist, ist so gut wie das gesamte Gewebe hinter dem Verschluss zerstört.

Unwiederbringlich zerstört?

In den meisten Fällen, ja, und leider je jünger der Patient ist, desto vollständiger, weil das Herz keine Zeit hatte, Brückengefäße zu entwickeln. Obwohl die Sterblichkeit seit über zehn Jahren durch die moderne Therapie deutlich rückläufig ist, sterben bundesweit immer noch zirka 50 Prozent der Patienten mit Herzinfarkt.

Kann ein Notfallzentrum, wie das derzeit in Eschborn geplante, dazu beitragen, dass Menschen rascher behandelt werden können?

Das ging bisher auch schon sehr rasch, und ich betone gerne die hervorragende Zusammenarbeit mit unserem Rettungsdienst. Aber soviel ich weiß, ist der alte Standort räumlich sehr beengt, und die Retter müssen lange Strecken über den Hof laufen, um zu ihren Fahrzeugen zu kommen. Das kostet Zeit. Außerdem wäre die neue schnelle Zufahrt zur Landesstraße sehr günstig.

Ist es sinnvoll, dass die Rettungseinheiten wie Feuerwehr und ASB an einem Ort untergebracht sind?

Das ist sehr vorteilhaft. Sie müssen perfekt miteinander kommunizieren. Außerdem können sie dort zusammen üben und planen.

Gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr, Rettungskräften und niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern?

Ja, wir haben jeden Tag miteinander zu tun. Wir Ärzte sind darauf angewiesen, dassdie Patienten rasch zu uns kommen, und wir schon vor Eintreffen im Krankenhaus wissen, was auf uns zukommt, damit wir ihnen rasch und gezielt helfen können. Und die Patienten sind darauf natürlich umso mehr angewiesen.

Wenn Sie für sich nach einer Wohnung im Main-Taunus-Kreis suchen würden, würde es für Sie eine Rolle spielen, dass diese möglichst nahe an einem Rettungszentrum liegt?

Ich würde dahin ziehen, wo es mir gefällt und würde eine Wohnung nicht nach dem Standort eines Rettungszentrums aussuchen. Das kann ich, weil das Rettungssystem im Main-Taunus-Kreis so gut organisiert ist, dass ich sicher sein kann, an jedem Standort innerhalb von zehn Minuten hilfe zu bekommen.